Digitalisierung und Arbeitsplätze: Geht uns bald die Arbeit aus?

Die Digitalisierung hat große Auswirkungen auf die Arbeitswelt. Doch kostet Digitalisierung Arbeitsplätze? Bisher ging man davon aus, dass vor allem weniger anspruchsvolle Jobs mit geringer Bezahlung in Bedrängnis kommen. Neuere Studien zeigen aber: Es kann jeden treffen. Warum das trotzdem kein Grund zur Panikmache ist, zeigt Dr. Martin Halter in diesem Beitrag.

Neue Studien über Gewinner und Verlierer des digitalen Wandels

Bisher galt als ausgemacht, dass gering qualifizierte, schlecht bezahlte Arbeitnehmer zu den ersten Opfern der Digitalisierung gehören würden. Neuere Studien belegen aber: Es kann jeden treffen. Künstliche Intelligenz und Roboter können auch hochqualifizierte Fachkräfte in Labors, Praxen und Büros überflüssig machen. Der Strukturwandel durch die Industrie 4.0 vernichtet viele Arbeitsplätze und Berufsgruppen verschwinden, führt aber auch zur Entstehung ganz neuer Jobs und Tätigkeitsprofile.

Mensch gegen Maschine

Wie der Spiegel kürzlich in seiner Titelgeschichte „Mensch gegen Maschine“ beschrieb, arbeiten in vielen US-Kanzleien bereits „Rechtsroboter“, die blitzschnell Millionen von Gesetzestexten, Urteilen und Kommentaren durchforsten, selbständig Verträge prüfen und Schriftsätze formulieren können, auf Wunsch in zwanzig Sprachen. Journalistische Schreibprogramme wie Narrative Science oder Automated Insights generieren aus Fakten und Daten automatisch Sport- oder Börsenberichte, Nachrichten und bald wohl auch Kommentare.

„Es gibt kaum ein Berufsfeld, das durch die fortschreitende Digitalisierung nicht infrage gestellt wird“.

Watson, eine von IBM entwickelte Künstliche Intelligenz, hilft Ärzten bei der Früherkennung von Tumoren, Bankern bei der Anlageberatung und selbst Literaturwissenschaftlern bei der Textanalyse. Martin Ford schreibt in seinem Buch „Aufstieg der Roboter“: „Fast jeder Job, bei dem jemand vor einem Bildschirm sitzt und Informationen verarbeitet, ist bedroht“. Roboter seien heute nicht Werkzeuge, sondern ausgesprochen effektive Arbeiter.

Sabina Jeschke, Professorin für Maschinenbau und Expertin für Künstliche Intelligenz an der TU Aachen, behauptet: „Es gibt kaum ein Berufsfeld, das durch die fortschreitende Digitalisierung nicht infrage gestellt wird“.

Aus Hardware wird Software

Für den Abbau von Arbeitsplätzen im Zuge des digitalen Wandels sind vor allem diese vier Faktoren verantwortlich:

1. Virtualisierung

Durch schnelle, direkte Verarbeitung großer Datenmengen, durch den verstärkten Einsatz von Sensoren, Algorithmen und KI entfallen viele traditionelle Routinetätigkeiten in Produktion, Büro und Service oder werden „entstofflicht“. Bargeld wird durch Kreditkarten oder Online-Banking ersetzt, Tickets werden nicht mehr ausgedruckt, Musik, Fotos und Filme nicht mehr auf materiellen Trägern gespeichert. In der Industrie 4.0. wird aus physischer Hardware Software. Das spart Zeit und Arbeitskraft, Rohstoffressourcen und Verkehrswege.

2. Deep Learning

Riesige, vernetzte Datenbanken können schneller und präziser als jeder Mensch Daten verknüpfen, Muster erkennen, Systeme steuern. Ein Chefarzt kennt vielleicht hundert Typen von Hautkrebs, ein Anlageberater tausend Aktienfonds: Eine Datenbank kann in Sekundenschnelle Millionen von Datensätzen speichern, vergleichen und filtern.

3. Neue Verkehrsformen

Selbstfahrende Transporter, intelligente Autos und Drohnen ersetzten Taxi-, Gabelstabler- und Lastwagenfahrer, Paketboten und Lagerarbeiter.

4. Roboter

Qualifizierte Handarbeit, etwa in der Medizintechnik, wird durch 3D-Drucker verdrängt. Autonom arbeitende oder kollaborierende Roboter (Cobots) übernehmen immer mehr Produktionsschritte, Überwachungs- und Servicefunktionen. Festangestellte Angestellte werden ersetzt durch auf Abruf bereit stehende Auftrags- und Zeitarbeiter, Home- und Crowdworker („Gig-Economy“).

So beeinflusst Digitalisierung Arbeitsplätze: Gewinner und Verlierer

Das alles führt zweifellos zu tiefgreifenden Umstrukturierungen auf dem Arbeitsmarkt. Ganze Berufsgruppen werden verschwinden oder ihr Profil ändern müssen. Umstritten ist allerdings, wer zu Gewinnern und Verlierern des digitalen Wandels gehört und wie sich der Prozess sozialverträglich managen lässt.

Nach einer Studie des Beratungsunternehmens A.T. Kearney („Deutschland 2064 – die Welt unserer Kinder“) sind es vor allem Arbeitsplätze in Büro, Verkauf, Gastronomie und Banken, die in den nächsten Jahrzehnten abgebaut werden, während Berufe mit hoher Sozialkompetenz wie etwa Erzieher, Alten- und Krankenpfleger, aber auch Führungskräfte, durch die Digitalisierung kaum gefährdet sind.

Das deckt sich mit einer Studie der Universität Oxford, wonach 47 Prozent der Beschäftigten in den USA derzeit in Berufen arbeiten, die in den nächsten zwanzig Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit wegrationalisiert werden: Sekretärinnen, Verkäufer, Lagerarbeiter.

Der Arbeitsmarktexperte Holger Bonin hält derlei Prognosen für zu technizistisch orientiert und darum auch übertrieben. Ein Kellner etwa verliere nicht gleich seinen Job, wenn er Bestellungen mit dem Kleincomputer aufnehme. Bonin rechnet für Deutschland nur mit zwölf Prozent der Beschäftigten, die ihren Job durch den digitalen Wandel verlieren, gut fünf Millionen. „Das ist immer noch viel“, sagt Bonin, „aber es ist eher eine Evolution“.

Die Bertelsmann-Stiftung entwirft in einer Studie sechs mögliche Szenarien für Deutschland 2030, von der „Ingenieursnation mit Herzchen“ bis hin zum „Digitalen Scheitern“ mit steigender Arbeitslosigkeit, sinkenden Steuereinnahmen, sozialen Unruhen und politischen Verwerfungen. Fünf der sechs Bertelsmann-Szenarien rechnen mit einem drastischen Abbau von Arbeitsplätzen.

Kein Grund für Schwarzmalerei

Allerdings haben sich die Schwarzseher schon mehr als einmal geirrt. Schon im 19. Jahrhundert warnten Maschinenstürmer, Apokalyptiker und Gesellschaftskritiker wie Karl Marx vor den unbeherrschbaren Folgen von Rationalisierung und Automatisierung. Tatsächlich haben Dampfmaschinen und Elektrifizierung alte Berufe wie Kutscher, Heizer, Melker und Handweber aussterben lassen.

Aber vieles davon war Plackerei und Elend. Und so wie die Industrie 1.0 und 2.0 wird auch die Industrie 4.0 neue Arbeitsplätze, Berufe und Jobprofile schaffen: App- und Software-Entwickler, Datenanalysten – und Dienstleister, die ihnen die Hand- und Hausarbeit abnehmen.

Nicht zufällig haben hochtechnisierte Länder wie USA, Südkorea oder Deutschland im internationalen Vergleich einen robusten Arbeitsmarkt. Und manche Berufe bleiben unersetzlich, auch wenn sie technisch schon überholt sind. Paket-Drohnen, Robocops und blecherne Stimmen im Callcenter kann man sich vorstellen. Aber die Dolmetscher und selbstfahrenden Autos von Google sind, wie man weiß, noch nicht ganz ausgereift. Ganz zu schweigen von komponierenden, malenden und Gedichte schreibenden Programmen. Niemand setzt sich heute ohne Beklemmung in fahrerlose Züge oder gar Flugzeuge ohne Piloten. Und selbst der effizienteste Pflegeroboter wird nicht die Alten- und Krankenpfleger aus Fleisch und Blut ersetzen können.

2016-11-10T11:15:31+00:00

About the Author:

Dr. Martin Halter (Freiburg) arbeitet als freier Journalist für verschiedene Tageszeitungen (Frankfurter Allgemeine, Tages-Anzeiger, Berliner Zeitung, Stuttgarter Zeitung), Buchautor („Das letzte Lexikon“), Texter und Kommunikationsberater (u.a. für Lexware und Stadt Freiburg).

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