Mobile Arbeit bei Daimler: Recht auf Home-Office für 100.000 Mitarbeiter

Keine Bange, die S-Klasse von Mercedes wird auch in Zukunft nicht in privaten Bastelkellern und Garagen zusammengeschraubt. Das schwäbisch-fleißige Schaffe-Schaffe allerdings kann künftig auch außerhalb des Firmengeländes stattfinden: Mobile Arbeit bei Daimler wird für die meisten Angestellten – rund 100.000 von insgesamt 150.000 in Deutschland – möglich. Sie haben künftig das Recht auf Home-Office, wenn nicht betriebliche oder technische Gründe explizit dagegensprechen.

 

Das gehört zu den Eckpunkten einer Betriebsvereinbarung, die im Juli 2016 zwischen Unternehmensleitung und Betriebsrat ausgehandelt wurde. Daimler-Mitarbeiter können demnach, in Absprache mit ihren Vorgesetzten, selber entscheiden, wann und wo sie arbeiten wollen. Die Präsenzpflicht am Arbeitsplatz entfällt. Es gilt dabei das Prinzip der doppelten Freiwilligkeit: Niemand muss, (fast) jeder darf mobil und daheim arbeiten. Wer mal einen Nachmittag freinehmen will, kann seinen Rechner also auch außerhalb der Gleitzeit, am Abend oder am Wochenende hochfahren. Und er muss dafür nicht ins Büro fahren, sondern kann es auch zu Hause, im Zug oder sogar im Café tun.

Die flexible Arbeitszeit wird blockweise pro Tag erfasst und individuell abgerechnet. Tarifliche und betriebliche Vereinbarungen etwa über Überstunden und Wochenarbeitszeit bleiben davon unberührt. Auch soll die mobile Arbeit nicht als Hintertür zu mehr unbezahlter Arbeit und ständiger Erreichbarkeit missbraucht werden. Sowohl Daimler-Personalchef Wilfried Porth wie der Betriebsratsvorsitzende Michael Brecht zeigten sich hoch zufrieden mit der Vereinbarung.

Mobile Arbeit: Die Autoindustrie fährt voran

Schon seit einiger Zeit präsentiert sich die deutsche Automobilindustrie als Vorreiter bei der Einführung innovativer Arbeitszeitmodelle. BMW und Bosch schlossen schon vor zwei Jahren eine ähnliche Betriebsvereinbarung wie jetzt Daimler, VW und Siemens zogen kürzlich nach. „Damit fördern wir Arbeitszufriedenheit und Selbstverantwortung“, sagte VW-Personalvorstand Karlheinz Blessing, „zugleich verbessern wir Arbeitsqualität und Produktivität.“ Auch bei Daimler ist man sich sicher: „Eine gute Work-Life-Balance ist die beste Motivation“.

Bei dem Stuttgarter Konzern gab es schon seit 2009 betriebsinterne Regelungen zu Home-Office und mobiler Arbeit. Die neue Betriebsvereinbarung berücksichtigt jetzt aber nicht nur die technischen, rechtlichen und sozialen Entwicklungen seit damals, sondern auch Erfahrungen und Wünsche der Mitarbeiter. Das jetzige Regelwerk wurde nicht von oben nach unten implementiert, sondern erstmals unter breiter Beteiligung von Belegschaft und Betriebsrat diskutiert und ausgehandelt. Vor einem Jahr hatte eine Online-Umfrage unter 35.000 Daimler-Mitarbeitern ein starkes Interesse an neuen Formen der Work-Life-Balance ergeben. 60 Prozent der Teilnehmer klagten über Probleme, Beruf und Familienleben unter einen Hut zu bringen. Über 80 Prozent sahen in flexibleren Arbeitszeitmodellen eine Lösung dafür, 55 Prozent wollten mehr von zu Hause aus arbeiten.

Mobile Arbeit bei Daimler: Mitarbeiter können selbst entscheiden, wann und wo sie arbeiten

Mobile Arbeit bei Daimler: Mitarbeiter können selbst entscheiden, wann und wo sie arbeiten

Das deckt sich mit den Zahlen aus einer neuen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), wonach in Deutschland nur zwölf Prozent der Beschäftigten – ein im europäischen Maßstab extrem niedriger Wert – regelmäßig oder gelegentlich zu Hause arbeiten können. Dabei könnte nach Schätzungen des DIW auch bei uns über 40 Prozent der Arbeit außerhalb der Firma geleistet werden. Aber noch allzu oft scheitert der Wunsch der Beschäftigten nach mehr Flexibilität und Selbstverantwortung beim Zeitmanagement an starren Regelungen, konservativ denkenden Arbeitgebern oder Defiziten bei der technischen Ausstattung der Arbeitsplätze.

Ergebnis- statt Zeitorientierung

Dabei ist die Frage, wer wann, wo und wie lange arbeitet, in der digitalisierten Arbeitswelt nur noch von untergeordneter Bedeutung. Die klassischen Formen der Arbeit lösen sich, vor allem im Büro, zunehmend auf. Physische Präsenz, fixe Arbeitsplätze, starre Arbeitszeitregelungen werden in der digitalisierten Ökonomie mehr und mehr überflüssig, wenn nicht sogar kontraproduktiv. Moderne, weitsichtige Unternehmen wie Daimler und Siemens denken ergebnis-, nicht zeitorientiert, und davon profitieren auch ihre Mitarbeiter. Um es mit Helmut Kohl zu sagen: „Wichtig ist, was hinten herauskommt“, nicht die Zeit und der Ort, wo dafür gearbeitet wird.

2016-11-10T13:11:10+00:00

About the Author:

Dr. Martin Halter (Freiburg) arbeitet als freier Journalist für verschiedene Tageszeitungen (Frankfurter Allgemeine, Tages-Anzeiger, Berliner Zeitung, Stuttgarter Zeitung), Buchautor („Das letzte Lexikon“), Texter und Kommunikationsberater (u.a. für Lexware und Stadt Freiburg).

2 Comments

  1. Andreas 23. November 2016 at 17:32 - Reply

    Da geht Mercedes in die richtige Richtung. Eine Bekannte von mir, die bei Mahle arbeitet, kann auch von zu Hause aus arbeiten, wenn sie keine Termine im Büro hat. Ist für sie absolut genial, da sie sich so flexibler um ihre Kinder kümmern kann.

  2. Christoph Herzog 24. November 2016 at 15:33 - Reply

    Hallo Andreas, da hat deine Bekannte echt Glück, das flexible Arbeiten im Home-Office ist ja (noch) nicht so selbstverständlich. Mit den immer besseren technischen Möglichkeiten öffnen sich aber bestimmt immer mehr Arbeitgeber dafür.

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