Sheconomy – profitieren Frauen besonders vom digitalen Wandel?

Mit der digitalen Transformation ändern sich nicht zuletzt die Arbeits- und Unternehmenskulturen in vielen Firmen. Noch ist offen, ob und wie Frauen von diesem digitalen Wandel profitieren. Aber die Chancen, dass sie zu den Gewinnern gehören, stehen nicht schlecht.

Die digitale Transformation war einmal exklusive Männersache: Buzzword, Spielzeug und Machtinstrument für Alphamännchen. Inzwischen hat sich allerdings auch unter Frauen herumgesprochen: Wenn man, etwa als alleinerziehende Mutter, Arbeit, Kinder und Familie unter einen Hut bringen muss, ist Home-Office eine gute Sache. Das ist natürlich nicht der einzige Aspekt. Fest steht aber: die Digitalisierung könnte auch den Nebeneffekt haben, dass sie frischen Wind in unsere Geschlechterverhältnisse bringt.

Männersache Digitalisierung?

Männer haben die großen Erzählungen der Digitalisierungsgeschichte geschrieben: Etwa den Mythos vom (natürlich männlichen) Silicon-Valley- Nerd, der in Papas Garage smarte Maschinchen und Apps für eine bessere Welt entwickelt. Oder das Idealbild des Digital Natives, der heimat-, frauen- und kinderlos durch die virtuelle Welt surft. Die Mythen von Männern, Motoren und Maschinen deckten sich noch nie ganz mit der Realität. Heute, in Zeiten der digitalen Ökonomie, weniger denn je.

Die Karten auf dem Arbeitsmarkt und zuhause in der Familie werden derzeit neu gemischt. Neue Dynamiken und Potenziale sind im Entstehen; Zugangsregeln, Arbeitszeiten, Aufstiegschancen, Gratifikationen, Macht- und Einkommensverhältnisse werden neu ausgehandelt. Und das eröffnet Chancen für Frauen. Arbeit 4.0 ist nämlich vor allem weiblich: Mehr Frauen als Männer sind am Arbeitsplatz mit digitaler Technik befasst (wenn auch oft nur als schlecht bezahlte Datenerfasserin oder Schreibkraft). Schon die Industrielle Revolution 2.0 und 3.0 waren Hebel weiblicher Emanzipation, Motoren bei der Modernisierung alter Rollenmuster und Familienstrukturen. Einiges spricht dafür, dass sich dieser Prozess bei der Industrie 4.0 eher noch beschleunigen wird.

Werden Frauen die Gewinnerinnen des digitalen Wandels?

Arbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles sagte kürzlich bei der Konferenz der International Association of Feminist Economics, Frauen könnten „die Gewinnerinnen des digitalen Wandels werden, wenn wir es klug anstellen“. Klug im Sinne der Arbeitsministerin und der weiblichen Ökonomie sind etwa:

  • Innovative, „atmende“ Arbeitszeitmodelle, die Arbeit und Familie besser miteinander vereinbaren: Zeit- und Erwerbstätigenkonten, Teilzeitarbeitsmöglichkeiten mit Rückkehrgarantie etc.
  • Die Auflösung männlich-patriarchalischer Denkweisen und Strukturen zugunsten von Soft Skills und „weiblichen Tugenden“ wie Kooperation und Kommunikation
  • Schließung der Gender Pay Gap, also der ungleichen Bezahlung von Männern und Frauen für gleiche Arbeit
  • Mehr Frauen in MINT-Berufen, um die Gleichberechtigung voran zu treiben, aber auch, um die männlich dominierte IT-Kultur kreativ weiter zu entwickeln

Die Roboter und Algorithmen der Industrie 4.0 erlauben Frauen schon heute, in Bereiche vorzudringen, die ihnen in der Vergangenheit weitgehend verschlossen waren. Seit etwa BMW die schwere körperliche Arbeit in den Produktionsstraßen von Industrierobotern erledigen lässt, finden sich hier mehr (und besser bezahlte) Frauen als noch vor wenigen Jahren. Langsam, viel zu langsam wächst die Zahl der Ingenieurinnen und Programmierinnen; Und doch: selbst auf den Führungsetagen von IT-Unternehmen findet sich heute die eine oder andere Frau.

Ist die Zukunft der Arbeit weiblich?

Haben Frauen in der digitalen Arbeitswelt die Nase vorn?

Haben Frauen in der digitalen Arbeitswelt die Nase vorn?

Intelligentes Zeitmanagement, der Verzicht auf die Präsenzpflicht im Büro und die Ausweitung der Home-Office-Zone erweitern die Arbeits- und Karriereoptionen der Frauen nachhaltig. Dank mobiler Kommunikationsmittel, digitaler Netzwerke und einer veränderten Arbeitskultur muss frau heute nicht mehr acht Stunden am Tag, fünf Tage in der Woche im Büro am Arbeitsplatz sein, um bei der Urlaubsplanung oder auch der Besetzung von Führungspositionen ein Wörtchen mitreden zu können.

Die alten Alphamännchen mit ihren starren patriarchalischen Hierarchien und autoritären Umgangsformen sterben langsam aus. Weibliche Stärken wie Teamfähigkeit, Flexibilität und partizipativer Führungsstil werden mehr und mehr zu Schlüsselqualifikationen der neuen, agilen Arbeit 4.0. Frauen sind laut Barbara Lutz vom Frauen-Karriere Index Vorreiter und Motoren des digitalen Wandels. Aber auch umgekehrt gilt:

„Unternehmen, die erfolgreich Frauen fördern, tun sich leichter mit der Umstellung auf Arbeit 4.0.“

Auch die Sozialwissenschaftlerinnen Anja Bultemeier und Kira Marrs kommen in ihrer Handlungsbroschüre „Frauen in der digitalen Arbeitswelt von morgen“ zu dem Schluss, Frauen seien die „authentischen Promoterinnen einer neuen Arbeitswelt“, Wegbereiter, Leitfiguren und nicht zuletzt auch Nutznießer der digitalen Transformation von Unternehmen und Gesellschaft.

Die Soziologin Christiane Funken beschreibt in ihrem Buch „Sheconomy“ die Zukunft der Arbeitswelt als weiblich. Frauen seien einfach besser als Männer gerüstet für die Herausforderungen von morgen: teamfähiger, kommunikativer, flexibler, inhalts- und aufgabenorientierter, belastbarer. Frauen profitieren von der Digitalisierung, der digitale Wandel ist praktizierte Frauenförderung und umgekehrt: Eine klassische Win-Win-Situation?

… oder verlieren Frauen bei der Digitalisierung?

Ganz so einfach ist es nicht. Nach Studien des DGB misstrauen Frauen dem digitalen Wandel deutlich mehr als Männer. 52 Prozent der Frauen, aber nur 43 Prozent der Männer klagen über höhere Arbeitsbelastung, mehr Kontrolle, Überwachung und Stress. 79 Prozent der Frauen, aber nur 69 der Männer fühlen sich der Digitalisierung hilflos ausgeliefert.

Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vertritt die These, dass Frauen zu den Verlierern der Digitalisierung gehören könnten, vor allem die oft schlecht qualifizierten weiblichen Arbeitskräfte in Verwaltung, Verkauf und Gastronomie.

Achtzig Prozent der Beschäftigten in den zehn am meisten von der Digitalisierung bedrohten Berufen sind Frauen: Sekretärinnen, Verkäuferinnen, Bedienungen. Zwar sind auch die beiden am wenigsten gefährdeten Berufe – Pflege und Erziehung – klassische Frauenjobs, aber das verbreitert wiederum den Geschlechtergraben beim Lohn. Bisher jedenfalls, so Grabka, profitierten hauptsächlich Männer von der Digitalisierung. Anja Bultemeier warnt sogar: „Wir laufen im Moment Gefahr, dass dort, wo die Digitalisierung am weitesten fortgeschritten ist, eine neue Arbeitswelt entsteht, in der Frauen keinen Platz mehr haben.“ In Korea und Japan etwa werden schon heute Roboter in der Kranken- und Altenpflege eingesetzt.

Industrie 4.0 und Gleichberechtigung

Ohne Krankenschwestern und Pfleger wird es in absehbarer Zeit nicht gehen. Menschliche Zuwendung lässt sich nicht automatisieren oder wegrationalisieren. Dennoch: Die Digitalisierung schafft mindestens so viele Chancen wie Probleme und womöglich mehr Arbeitsplätze als wir uns heute vorstellen können. Sie wird jedenfalls nicht nur unsere Arbeitsorganisation verändern, sondern auch die Kommunikationsformen und Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen.

Wenn man praktisch überall und immer arbeiten kann, wenn Frauen Männerarbeit verrichten können (und umgekehrt), fällt auch die Rechtfertigung für eine Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern weg, die nicht nur ungerecht und diskriminierend war, sondern auch zunehmend ökonomisch und sozial kontraproduktiv wird. Warum sollten sich nur die Frau um Kinder, Küche und Hausarbeit kümmern, wenn der Mann nebenan sitzt und vielleicht ganz dankbar ist für Abwechslung oder Rollentausch? Umfragen zeigen, dass viele Männer gerne kürzertreten und viele Frauen länger arbeiten wollen.

Die klassische Rollen- und Machtverteilung – der Mann als Alleinversorger, die Frau als Expertin für ehrenamtliche Arbeit und soziale Kontakte – ist schon eine Weile passé. Arbeit 4.0 wird die alten Geschlechterverhältnisse noch weiter durcheinander wirbeln – und das ist auch gut so.

Was denkt ihr, profitieren Frauen eher von der Digitalisierung der Arbeit oder gehören sie zu den Verlierern? Oder werden Geschlechterunterschiede sogar in absehbarer Zeit schon ganz egal sein? Wir freuen uns auf eure Kommentare!

2017-03-29T10:01:49+00:00

About the Author:

Dr. Martin Halter (Freiburg) arbeitet als freier Journalist für verschiedene Tageszeitungen (Frankfurter Allgemeine, Tages-Anzeiger, Berliner Zeitung, Stuttgarter Zeitung), Buchautor („Das letzte Lexikon“), Texter und Kommunikationsberater (u.a. für Lexware und Stadt Freiburg).

Leave A Comment