Deutschland 2064 – Thesen zur Zukunft der Arbeitswelt

Die Trends für das jeweils kommende Jahr vorauszusagen, ist manchmal schon eine Herausforderung. Das Beratungsunternehmen A.T. Kearney wirft jedoch einen Blick in die ganz große Glaskugel: der Berater entwickelt in einem neuen Strategiepapier Thesen zu Wirtschaft und Gesellschaft – und zwar in knapp 50 Jahren.
Die Studie „Deutschland 2064 – die Welt unserer Kinder“ befasst sich auch mit dem Arbeitsplatz der Zukunft. Automatisierung und Digitalisierung werden eine immer größere Rolle spielen.

Zukunft der Arbeitswelt – Drei Typen von Unternehmen 2064

Der Report zitiert die Leiterin des Bereichs Nutrition & Health bei BASF, Saori Dubourg. Sie sagt für das Jahr 2064 drei Typen von Unternehmen voraus: Megakonzerne, die aus den heutigen Großunternehmen hervorgegangen sind. Neben diesen gibt es lockere Verbände, zu denen sich bis zu tausend Einzelfirmen sowie viele Start-Ups zusammenschließen. Der heutige Mittelstand wird Dubourg zufolge seine Entsprechung in kleinen, hochspezialisierten High-Tech-Unternehmen finden.

Das Papier sagt auch eine eher positive Veränderung voraus: Egal, in welcher Form ein Unternehmen künftig existiert, sein Erfolg wird sich nicht mehr allein in finanziellen Kennzahlen messen lassen. A.T. Kearney greift auf eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Gfk zurück („Global Perspective Barometer 2015: Voices of the leaders of tomorrow“), die Karrierefaktoren von Studierenden an Top-Unis untersuchte. Fast jeder zweite Befragte nannte den sozialen Nutzen, den seine Arbeit haben soll. Lediglich 14 Prozent nannten hohes Gehalt.

Effizienz ist wichtig – aber nicht mehr alles

„Wir beobachten eine Entökonomisierung des Handelns. Effizienz ist nicht mehr alles“, kommentiert Emanuel V. Towfigh, Mitglied des Aufsichtsrates des Medizintechnik- und Gesundheitskonzerns Freudenberg. „Es geht um Werte wie Transparenz, Vertrauen, Glaubwürdigkeit, Nachhaltigkeit und soziales Engagement.“ Der Jurist erwartet einen holistischen Ansatz bei der Beurteilung von Unternehmen. Die Maxime künftiger Führungskräfte müsse heißen: Do good!

Unternehmen werden an ihrem Beitrag zur Gesellschaft gemessen (Grafik: A.T. Kearney)

Unternehmen werden an ihrem Beitrag zur Gesellschaft gemessen (Grafik: A.T. Kearney)

Das berührt auch die Beurteilung von Arbeitskräften. „Ausbildung, Erfahrung und Soft Skills werden wichtiger sein als die Berufsbezeichnung“, sagt Alexander Spermann, Direktor Arbeitsmarktpolitik Deutschland am Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA). Das bestätigt eine Studie, die das Netzwerk Xing 2015 durchgeführt hat. Demnach stellt mehr als jeder Zweite (51 Prozent) schon jetzt fest, dass „Umwege im Lebenslauf“ kein Hindernis für eine Einstellung mehr sind.

45 Prozent der Stellen sind von Automatisierung betroffen

Dr. Martin Sonnenschein, Partner und Europachef bei A.T. Kearney, geht davon aus, dass Arbeitsplätze in bestimmten Berufen wegfallen werden, weil Abläufe und Tätigkeiten automatisiert werden: „In zwanzig Jahren wird fast die Hälfte der heutigen Arbeitsplätze in Deutschland durch Roboter ersetzt werden, die die Jobs effizienter erledigen können. Das fordert uns viel Veränderungsbereitschaft und Flexibilität ab. Wer sie aufbringt, kann von diesem drastischen Wandel aber auch profitieren – als Arbeitnehmer und als Arbeitgeber.“

Die Top 10 der gefährdeten Berufe…

Unter Berufung auf verschiedene Quellen (Frey/Osborne „The future of employment: How susceptible are jobs to computerisation“, 2013 und Bundesagentur für Arbeit „Arbeitsmarkt in Zahlen – Beschäftigungsstatistik“, 2015) erstellt A.T. Kearney eine Liste der Berufe, die besonders von Automatisierung betroffen sind. Über 300 und damit ein Viertel aller Jobprofile in der Bundesrepublik weisen ein hohes Automatisierungsrisiko in den nächsten beiden Jahrzehnten auf. Hier sind 45% aller Beschäftigten tätig.

Zu den 10 Top gefährdeten Berufen in Deutschland gehören Sekretariatstätigkeiten, Berufe in Verkauf und Gastronomie oder kaufmännischer und technischer Betriebswirtschaft. Außerdem geht die Studie davon aus, dass Roboter 2064 auch die Post austragen, Bankgeschäfte erledigen und den Menschen sogar ihr Essen kochen.

Welche Berufe sind besonders gefährdet?

Welche Berufe sind besonders gefährdet? (Grafik: A.T. Kearney)

…und welche Jobs am sichersten sind

Dr. Volker Lang, Partner bei A.T. Kearney und Verantwortlicher für die Studie „Wie werden wir morgen leben?“ weist darauf hin, die Veränderungen keinesfalls nur negativ zu deuten:

„Es macht keinen Sinn, rasant wandelnden Jobprofilen nachzutrauern. Bei der Einführung der Eisenbahn hieß es, jetzt seien Kutscher und Droschkenfahrer bedroht. Doch tatsächlich haben technologische Innovationen und Strukturwandel bisher auch neue Jobs und Wohlstand mit sich gebracht. So wird auch die fortschreitende Automatisierung neue Optionen eröffnen, die zu neuen Tätigkeitsfeldern mit Wachstumspotential führen werden.“

Es komme also darauf an, Veränderungen wie Digitalisierung, Vernetzung und Automatisierung sinnvoll zu nutzen und Wandel aktiv zu gestalten: „Wir können abwarten und uns von der Automatisierung überrollen lassen. Oder wir können uns mit Mut zu Wandel und Veränderung darauf einlassen – und flexibel und neugierig nach den neuen Möglichkeiten suchen, die sich daraus ergeben.“

Einige Berufe – vor allem solche, in denen Empathie oder emotionale Intelligenz gefordert sind – werden hingegen kaum von Automatisierung betroffen sein. Hierzu zählen die Berater vor allem soziale Berufe wie Kindererziehung, Kranken- und Altenpflege sowie in der Sozialarbeit. Auch Unternehmensleitung, Vertrieb und Forschung brauchen nach wie vor den Menschen.

Keine Angst vor Robotern

Keine Angst vor der Automatisierung (Grafik: A.T. Kearney)

Weitere Informationen:

https://www.atkearney.de/wie-werden-wir-morgen-leben-?

2016-11-10T13:17:52+00:00

About the Author:

Christoph Herzog betreibt den Blog www.arbeitsplatz40.de seit Januar 2016. Der Literatur- und Kulturwissenschaftler interessiert sich für die Berührungspunkte von (Arbeits-) Kultur und Technologie: Wie verändert die Digitalisierung unsere Art zu arbeiten? Und welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich daraus?

4 Comments

  1. […] unseres gesamten Lebens und führen wird. Man kann derzeit im Umfeld der CeBIT eine Vielzahl von Studien zur Digitalisierung lesen, die entweder in Bezug auf die Chancen oder auf die Risiken radikal sind. […]

  2. Stephan 1. September 2016 at 14:32 - Reply

    Mir fehlen bei den sichersten Berufen noch die Programmierer bzw. die IT-Berufe, denn die sind m.E. unersetzlich.
    Spannend ist auch die Frage, wie sich die Arbeitsweise zukünftig noch ändern wird. Das papierlose Büro wird ja schon seit Jahrzehnten vorrausgesegt. So richtig durchgesetzt hat sichs aber immer noch nicht. Auch mit Tablets und Smartphones kommen wir scheinbar ohne Zettel,Stift und Drucker nicht aus.

    Was sich aber schon verändert hat ist die Konnektivität gerade in klassischen Bürojobs. Gerade was den Nutzung von SaaS und anderen Clid diensten angeht – und das wird auch noch weiter fortschreiten (http://www.bueromoebel-experte.de/news/ratgeber/bueroalltag/das-buero-der-zukunft-die-cloud/).

    Zum Glück sind die meisten Arbeitsvorgänge in der Arbeitswelt so komplex und brauchen einen „supervisor“, sodass wir eigentlich keine Angst vor Robotern haben müssen 😉

  3. Christoph Herzog 5. September 2016 at 08:26 - Reply

    Hi Stephan, vielen Dank für deinen Kommentar! Klar, das Naheliegende vergisst man natürlich nur zu leicht 😉 Der IT-Bereich ist als Treiber der Entwicklung wohl relativ „safe“ und profitiert sogar. Das ist auch so ein bisschen das, was das Zitat von Volker Lang oben beschreibt: es gibt tiefgreifende Veränderungen, manche Jobs fallen weg, aber dafür entstehen auch ganz neue Tätigkeitsfelder. Und das natürlich auch im IT-Bereich – noch vor wenigen Jahren hat zum Beispiel niemand an Dinge wie DevOps etc. gedacht.
    Und wie du ja in deinem verlinkten Beitrag schreibst: auch Jobs, die von ihrem Grundprinzip her bestehen bleiben, können zukünftig in anderen Umgebungen ablaufen. Ich habe dazu vor kurzem einen interessanten Beitrag aus dem Verwaltungsbereich gelesen: http://www.kommune21.de/meldung_23901_Generation+Y+im+Amt.html

  4. […] werden verschwinden oder ihr Profil ändern müssen. Umstritten ist allerdings, wer zu Gewinnern und Verlierern des digitalen Wandels gehört und wie sich der Prozess sozialverträglich managen […]

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