Schreibtisch-wechsel-dich – Desk-Sharing in der neuen Siemens-Zentrale

Es klingt nicht ganz so schön wie „Ubi bene ibi patria“ (Wo es mir gut geht, da ist meine Heimat) oder „Home is where my heart is“. Aber dafür ist es kein sentimentaler Kalenderspruch: Office is where the brain is. Oder: Wo ich gerade bin, ist mein Büro. Home-Office und mobiles Arbeiten bringen ordentlich Bewegung in die Arbeitswelt. Hierzu zählt auch das so genannte Desk-Sharing. Bisher eher von hippen Start-Ups bekannt, hält es nun Einzug in die Siemens-Konzernzentrale.

Nicht umsonst spricht man in Zusammenhang mit der digitalen Transformation von Digital Workplace oder Arbeitsplatz 4.0. Sinnfälliger Ausdruck dieses Wandels ist das so genannte Desk-Sharing. Bisher kannte man das Schreibtisch-Teilen vor allem aus den Pionierbranchen der New Economy: IT, Kreative, Start-Ups, innovative Consulting-Unternehmen. Jetzt hat mit Siemens erstmals ein Global Player der Old Economy konsequentes Desk-Sharing eingeführt. In der neuen Konzernzentrale am Münchner Wittelsbacherplatz gibt es keine festen Arbeitsplätze mehr. Es herrscht das Clean-Desk-Prinzip.

Es ist wie beim Handtuchreservieren am Strand von Mallorca: Im „Siemens Office“ muss sich, jedenfalls im Prinzip, jeder Mitarbeiter morgens einen neuen Schreibtisch suchen und ihn abends wieder räumen. Aktenstapel, Papierkörbe und individuelle Duftmarken werden nicht gerne gesehen, persönliche Gegenstände müssen abends abgeräumt werden. Das ist der vielleicht schmerzhafteste Aspekt dieses Wandels in der Arbeitskultur: Der Abschied vom territorialen Revierprinzip, der Verzicht auf persönliche Kaffeetassen, Familienfotos, Sprüche- und Pferdekalender am Arbeitsplatz signalisiert, dass es für Nostalgiker ungemütlich wird.

Clean-Desk-Policy statt eigener Kaffeetasse und Familienfotos

Im Zeitalter mobiler Arbeit und digitaler Vernetzung wird der Schreibtisch für alle mehr und mehr zum anachronistischen Luxus. Mitarbeiter sind immer seltener an „ihrem“ Arbeitsplatz. Sie sind bei Kunden, in Seminaren oder Meetings, im Pendlerzug, im Stau oder zuhause, aber fast immer und überall im Home-Office-Modus. In einer Arbeitswelt der flachen Hierarchien, virtuellen Begegnungen und dauernden Veränderungen werden starre Strukturen, feste Arbeitszeiten und festgeschraubte Schreibtische überflüssig. Wenn nicht sogar kontraproduktiv. Ein Laptop mit der passenden Software ersetzt den Papierstapel auf dem Schreibtisch. Desk-Sharing ist ein Erfolgsfaktor. Es fördert Transparenz und Flexibilität, Kreativität und Produktivität. Es senkt die Betriebskosten, verbessert Kommunikation und Koordination, steigert Motivation und Arbeitszufriedenheit. Gerade in den Tätigkeitsbereichen der so genannten „Smartworkers“ bringt das erstaunliche Effizienzpotentiale.

Bald eine Rarität? Familienfotos am Schreibtisch, (c) DeathtoStock

Bald eine Rarität? Familienfotos am Schreibtisch, (c) DeathtoStock

Allerdings muss der Wechsel vom privaten zum funktionalen Schreibtisch auch gut kommuniziert und gemanagt werden. Vor allem ältere Arbeitnehmer fühlen sich leicht verunsichert und entwurzelt, wenn sie plötzlich liebgewonnene Gegenstände und Routinen, den eigenen Schreibtisch samt Zettelwirtschaft, Wackeldackel und Kinderfotos aufgeben sollen. Das Großraumbüro mit seinen standardisierten Arbeitsplätzen ist wenig beliebt; es gilt als muffig, eng und kalt. Und wer will nicht nur jeden Morgen einen anderen Arbeitsplatz suchen, sondern dabei noch Gefahr laufen, dass das Bäumchen-wechsel-dich-Spiel zur Reise nach Jerusalem wird, bei der der Langsamste keinen Platz mehr findet? Während Ökonomen die Vorteile von offenen Büros und Desk-Sharing betonen, erinnern Arbeitspsychologen, Betriebsärzte und Soziologen an „emotionale Kosten“ (Jan Slaby): Anspannung, Stress, Verbindlichkeits- und Bindungsverluste, ganz zu schweigen von hygienischen und ergonomischen Problemen – eine Herausforderung für den Arbeitsschutz.

Unaufgeräumte Schreibtische mögen ein Zeichen von Disziplinlosigkeit und Ineffizienz sein, aber sie vermitteln auch Gefühle von Heimat und Menschlichkeit. Aus kleinlichen Gebäuden kommen laut John Rockefeller nur kleinliche Gedanken. Aber mit Büroarchitektur und Möbeldesign allein produziert man noch keine großen.

Desk-Sharing bei Siemens heißt: Selbstbestimmung am Arbeitsplatz

Siemens-Personalchefin Jana Kugel legt Wert darauf, ihre Clean-Desk-Strategie gut zu erklären. Im Siemens Office soll jeder arbeiten dürfen, wo, wann und wie er will. Er darf alles auf den Schreibtisch stellen, was ihm lieb und teuer ist – solange es „nicht lebt oder zum Leben erwachen soll“ und abends im Locker sauber weggeschlossen wird. Selbstbestimmung am Arbeitsplatz, so Kugel, soll die Mitarbeiter „eher glücklicher und damit auch produktiver“ machen, und das ist für alle Seiten ein Gewinn.

Desk-Sharing und Clean-Desk-Policy sollen für mehr Flexibilität sorgen

Desk-Sharing und Clean-Desk-Policy sollen für mehr Flexibilität sorgen

Clean-Desk soll jedenfalls nicht in Gehirnwäsche ausarten. „Ein bisschen müssen wir die Leute umerziehen“, sagt ein Siemens-Sprecher, „aber die Leute verstehen schnell, dass ihnen nicht Freiheit genommen, sondern gegeben wird“. Etwa die Wahl zwischen verschiedenen funktional ausdifferenzierten Raumtypen: Zonen für Konzentration, Kommunikation und Kreativität, Denkerklausen, schalldichte Telefonzellen, laute Meetingpoints und Zonen für den stillen Rückzug. Großraum oder Einzelzimmer, eigener oder funktionaler Schreibtisch: Das sind falsche Alternativen. Die Zukunft der Arbeit liegt in einer durch intelligente Raumbelegungskonzepte und Social Intranet organisierten Kombination aus beiden.

Der Arbeitsplatz der Zukunft wird laut einer Fraunhofer-Studie zum „Office 21“ eher wie eine Lounge als wie ein klassisches Großraumbüro aussehen. Man arbeitet dort, wo gerade Platz ist, und wenn jemand im Café seinen Rechner aufklappt, sieht es nicht einmal mehr nach Arbeit aus. Die Büros öffnen sich nach außen, und das gilt auch für die Arbeitsplätze. Die alte, mausgraue Teeküche ist nicht nur bei Google längst durch helle, poppig bunte Lounges mit Kaffeemaschine, Kicker und Kita abgelöst worden. In der neuen Siemens-Zentrale ist das Erdgeschoss öffentlich, bestückt mit Cafés und Shops; selbst auf den oberen Etagen nimmt man es mit dem Krawattenzwang und dem Duzen immer lockerer. Im Idealfall pflegt ein Siemensianer heute nicht mehr das Pflänzchen auf seinem Schreibtisch, sondern das Gemeinschaftsolivenbäumchen. Das nennt man jetzt Social Collaboration.

2018-03-20T17:13:17+00:00

About the Author:

Dr. Martin Halter (Freiburg) arbeitet als freier Journalist für verschiedene Tageszeitungen (Frankfurter Allgemeine, Tages-Anzeiger, Berliner Zeitung, Stuttgarter Zeitung), Buchautor („Das letzte Lexikon“), Texter und Kommunikationsberater (u.a. für Lexware und Stadt Freiburg).

3 Comments

  1. […] vereinbaren. Arbeitgeber wiederum profitieren von Einsparpotentialen. Zum Beispiel braucht beim Desk-Sharing nicht mehr jeder Angestellte einen eigenen Schreibtisch mitsamt sonstiger […]

  2. […] Im 20ten Jahrhundert waren es moderne Schreibmaschinen, die Gestaltung von Arbeitsplätzen oder das papierfreie Büro. Vor etwas mehr als einem Jahrzehnt war die E-Mail oder „der Heimarbeitsplatz“ das Leitbild der […]

  3. […] abgeräumt, wenn sie gehen. Das spart Geld und gilt als besonders zeitgemäß. Zum Beispiel bei Siemens oder […]

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